Ein Rundgang mit Kulissengestalter Holger Müller

Hinter der Tür im 3. Obergeschoss des Deutschen Filmmuseums beginnt eine andere Welt. Auf verhältnismäßig kleinem Raum eröffnet sich eine spektakuläre Kulissenlandschaft voller Kontraste und überraschender Blickwinkel: Vom ratternden Frankfurter U-Bahn-Waggon geht es nur wenige Schritte weiter in ein städtisches Ödland, in dem die Überreste menschlicher Behausung von Existenzen im düsteren Schatten der Gesellschaft erzählen. Zum Glück ist gleich nebenan das heimelige Licht eines Oma-Cafés mit Frankfurt-Touch auszumachen. Vielleicht traut sich hier ein schüchterner Bankangestellter, endlich die hinreißende Frau anzusprechen, die immer wieder vom Tisch am anderen Ende zu ihm herüberblickt.

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In den Kulissen von Abgedreht! Die Filmfabrik von Michel Gondry scheint so ziemlich alles möglich. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt der einzigartigen Umsetzung durch Kulissengestalter Holger Müller. Der Diplom-Architekt und erfahrene Szenenbildner weiß: „Wenn du in den Kulissen stehst – dann fängt der kreative Prozess meist erst an. Optik spielt eine ganz entscheidende Rolle – das ist hier nicht anders als bei der Erkundung einer neuen Stadt oder beim Gang durch ein Möbelhaus. Die Ideen kommen dann von selbst.“ So stellt sich das im Idealfall wohl auch der französische Regisseur Michel Gondry vor, der sich das Projekt ausgedacht hat, das seit Mitte September und noch bis zum 28. Januar erstmals in Deutschland Station macht. Einzelpersonen können bei Abgedreht! kostenlos und ohne Voranmeldung an einem Parcours teilnehmen, der sie in drei Stunden von der Konzeption zur Fertigstellung ihres eigenen Films führt.

„Die Teilnehmer/innen lernen dabei, was eine Kulisse eigentlich ist. Sie verstehen den Unterschied zwischen dem, was das Auge sieht, und dem Bildausschnitt der Kamera.“, erklärt Holger Müller. Was das für die Setgestaltung bedeutet? „Du kannst mit Anschnitten arbeiten, Elementen, die nur teilweise im Bildausschnitt erscheinen. Dadurch erhält der Raum Tiefe und erscheint größer als er eigentlich ist. Das heißt auch, dass alles, was außerhalb des Blickfelds der Kamera liegt, gar nicht mitbehandelt werden muss – eine spannende Einstellung kannst du auf kleinstem Raum realisieren.“

Gerade mal sechs Wochen im Vorfeld hatte Holger Müller Zeit für Konzept und Entwicklung der Sets sowie die Zusammenstellung der Requisiten. Weitere drei, um die Kulissen mit seinem Team fertig zu stellen. Einmal in Fahrt, war der Gestaltungseifer nicht mehr zu stoppen. Messebauer, Patineure – Fachleute für die realistische Gestaltung der Oberflächen –, Maler und Ausstatter/innen verwandelten den leeren Ausstellungsraum in eine Filmlandschaft mit mehr als 20 verschiedenen Sets – viel mehr, als Gondrys Konzept eigentlich vorsieht. Vom Friedhof über die Gummizelle, das Straßencafé, voll eingerichtete Wohnräume, eine Vespa inmitten Frankfurts auf Leinwand projizierter Straßen bis hin zur Garage, einem Vorgärtchen und einem Platz mit dem Bornheimer Uhrtürmchen: Für jede denkbare und undenkbare Filmszene steht ein fantasievolles Setting bereit. „Erstens hatten wir den Ansporn, die Kulissen auf Frankfurt zu münzen. Außerdem sollte nicht alles einfach nur schön werden, sondern auch mal extra dreckig und alt, das hat unheimlich Spaß gemacht“, beschreibt Holger Müller die Besonderheiten.

Zeit, Platz und Budget waren dabei gleichermaßen enge Grenzen gesetzt. „Eine gewaltige Herausforderung, die sich dann doch als Freiheit entpuppt hat. Gondrys Vorgaben mussten wir gezwungenermaßen äußerst kreativ umsetzen“. Diesem Umstand verdanken die Frankfurter Kulissen von Abgedreht! Die Filmfabrik von Michel Gondry einige ihrer Raffinessen. Begrüßt werden die Gruppen schon im Foyer des Filmmuseums, wo mit verschroben wirkendem Mobiliar die amtliche Empfangsstelle der Filmfabrik eingerichtet ist – die eigentlichen Kulissen, sowie die zugehörige Videothek und das eigene kleine Kino befinden sich drei Stockwerke höher. Die Sets gehen fließend ineinander über und bilden eine zusammenhängende Landschaft, die unzählige Möglichkeiten für Gegenschüsse, Kameraschwenks und Durchblicke bietet. „An einem Bürotisch vorbei kann die Kamera das Geschehen auf dem Dorfplatz einfangen und dahinter vielleicht noch ein Augenpaar, das dieselbe Szene aus der Wohnung gegenüber beobachtet.“ All das ermöglicht ein Erlebnis, wie es Michel Gondry im Sinn hatte. In den Worten von Holger Müller: „Man kann ganz einfach in eine andere Welt abtauchen“.

Wer Lust bekommen hat, seine kreativen Einfälle in den Kulissen der Filmfabrik zum Leben zu erwecken, der braucht dafür nichts weiter als drei Stunden Zeit. Gruppen aus bunt zusammengewürfelten Teilnehmer/ innen werden mehrmals täglich spontan zur Crew ihres eigenen Films, den sie sich am Ende auf der Kinoleinwand der Filmfabrik anschauen können.