Filmdreh in drei Stunden: Die Vampire sind los

An diesem Samstag ist Mathilda Schuh Kamerafrau. Die Schülerin steht vor der Kulisse eines U-Bahn- Waggons, der durchs Frankfurter Nordend rauscht, und richtet die Kamera auf

Weiterlesen...
Jacques Kerleau. Der Arzt für Allgemeinmedizin spielt heute einen Kommissar, der nach einer durchzechten Nacht die Orientierung verloren hat. Ob das hellblaue Einhorn auf dem U-Bahn-Sitz vor Jacques, gespielt von Zauberkünstler Julius Zier, real oder nur eine Halluzination ist, werden wir bis zum Ende des Films nicht erfahren.

Seit dem 14. September und noch bis 28. Januar 2018 können Gruppen von fünf bis zwölf Personen in einem Parcours, der im Deutschen Filmmuseum aufgebaut wurde, innerhalb von drei Stunden ihren eigenen Film erdenken – und auch gleich drehen. Abgedreht! Die Filmfabrik von Michel Gondry ist ein Projekt, das der französische Regisseur bereits an zwölf Orten weltweit umgesetzt hat. Nun gastiert es erstmals in Deutschland. Die Teilnahme ist kostenlos, die Anmeldung zu einer Tour erfolgt online oder – ganz spontan – direkt vor Ort. Mathildas Gruppe hat sich für den Dreh einer Horror-Komödie entschieden: „Der Vampirpate im Bahnhofsviertel“. Sechs weitere Teilnehmer/innen touren an diesem Samstagnachmittag mit Mathilda, Jacques und Julius durch die Filmfabrik, noch bevor diese für das Publikum öffnet: Fitnesstrainer Insa Gaye, Taschendesignerin Angela Miklas, Philly Makora, angehende Kommunikationsmanagerin, Jan Hoffmann, Küchenchef im Frankfurter Seven Swans, sowie die Journalistinnen Henriette Nebling und Judith Henke.

Sämtliche Teilnehmer/innen begegnen sich zum ersten Mal. Die demokratische Abstimmung über Genre und Titel des Films sowie die Erstellung eines groben Handlungsmusters, Gegenstand des ersten von zwei Workshops, läuft deshalb noch verhalten. Aber der sehr exakte Leitfaden, den Michel Gondry für seinen Parcours erstellt hat, lässt Zurückhaltung kaum zu. Außerdem gibt es noch Mascha Dämkes und Moritz Hingott: Sie kennen Gondrys Konzept in- und auswendig und betreuen die Gruppen im Museum bei ihrer Tour durch die Filmfabrik. Die Zeit läuft: Nach 45 Minuten müssen Genre, Titel und Story stehen. Küchenchef Jan hat die Uhr fest im Blick. Gleich im Anschluss geht es in Workshop 2. Hier wählen die Teilnehmer/ innen aus einem riesigen Fundus Kostüme und Requisiten für ihren Film. Julius findet sein Einhornkostüm, Taschendesignerin Angela wählt für ihre Rolle als Vampir- Wirtin High Heels mit Leopardenmuster, und Insa wird mithilfe eines weißen Kittels und einer Brille in die Rolle des Arztes schlüpfen. Die Kostümauswahl ist groß – und lädt zum Herumalbern ein. Allmählich finden die Teilnehmer/innen zueinander, aber: „Wir haben nur noch fünf Minuten“, gibt Zeitwächter Jan zu bedenken. Dann müssen die Kostüme sitzen, und die Gruppe begibt sich in die Kulissen im dritten Obergeschoss: Für den Dreh bleibt eine Stunde Zeit.

Vom typischen Frankfurter U-Bahn-Waggon über ein schrullig-schönes Caféhaus bis hin zum düsteren Friedhof: Die detailreich gestalteten Kulissen der Filmfabrik geben viel Raum zum Geschichtenerzählen. Mathildas Gruppe findet großen Gefallen an einer klassischen Vespa, auf der man mittels Rückprojektion durch die Frankfurter Innenstadt pesen kann, und an einer Gummizelle: hier soll der orientierungslose Kommissar seinen Rausch ausschlafen. Zwei Dinge stehen bei dem von Michel Gondry erdachten Projekt im Vordergrund: das große kreative Potential einer Gruppe, die sich möglichst aus untereinander noch unbekannten, völlig unterschiedlichen Leuten zusammensetzt, und die klare Botschaft, dass jede/r einen Film drehen kann, wenn er/ sie nur möchte: In der Filmfabrik geht es nicht um die Qualität eines Films, oder darum, eine Geschichte mit komplexen Handlungsmustern und Tiefgang zu erzählen, sondern um eine produktive Gruppenarbeit, an der jedes einzelne Mitglied seinen Anteil hat. „You’ll like this film because you’re in it“, verspricht Gondry.

Mathilda und ihre Gruppe mögen ihren Film. Nach Abschluss der Dreharbeiten und zurück in ihren Alltagsklamotten sehen sie sich ihr fertiges Werk gemeinsam im kleinen Kino der Filmfabrik an – und haben viel zu lachen. Eine DVD mit selbst gestaltetem Cover verbleibt im wachsenden Archiv des Filmmuseums, eine weitere dürfen die Teilnehmer/innen mit nach Hause nehmen.