Hochbetrieb bei Abgedreht! Die Filmfabrik von Michel Gondry

Ein Blick in das stetig wachsende Archiv der Filmfabrik

Was kommt dabei heraus, wenn man eine Gruppe fremder Menschen für drei Stunden zusammenbringt, ihnen Kamera, Kostüme und atem- beraubende Filmkulissen zur Verfügung stellt, um ein spontanes Filmprojekt auf die Beine zu stellen? Das ist die Versuchsanordnung von Michel Gondrys weltweit erfolgreicher „Usine de films amateurs“, die unter dem Titel Abgedreht! Die Film­fabrik von Michel Gondry noch bis zum 28. Januar im Deutschen Filmmuseum zu erleben ist.

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Seit Mitte September entstehen so täglich eine ganze Menge Filme – in Frankfurt bis dato mehr als 150, der längste knapp 18 Minuten und die kürzesten eine Minute lang. Dramen, Komödien, Splattermovies, Science- Fiction-Filme sind dabei – und nicht wenig Mord und Totschlag. Das hat sicherlich auch mit den beeindruckenden Kulissen zu tun, die neben einem Oma-Café und voll eingerichteten Wohnräumen im Retro-Chic durchaus auch Spiel-Raum für Abgründiges liefern: vom schön-schaurigen Friedhof über verwahrlostes Ödland bis zur filmreifen Gummizelle ist für Experimentierfreude mit Gruseleffekt gesorgt. Kostprobe gefällig? Drei exklusive Einblicke:

Filmtitel: WASTELAND WOMEN
Genre: feministischer Anarcho-SciFi

Plot: Nach einem Atomkrieg sind einige junge Frauen die einzi- gen Überlebenden. Sie werden zur Keimzelle einer neuen Gesellschaft, die das Theater zum obersten Kulturgut erhebt. Eine Welt für die Kunst und für die Frauen.

Stärkstes Zitat: Letzte Szene, auf dem Motorroller in die Zukunft brausend: „Now all the world’s our stage!”

Filmtitel: EIN SOMMER OHNE MICH

Genre: Fantasy-Komödie

Plot: Der Büroangestellte Herr Strunz ertrinkt in Arbeit. Die Aufträge stapeln sich auf seinem Schreibtisch, und laufend kommen neue To-Dos hinzu. Da steht plötzlich ein magisches Einhorn vor ihm und stellt sein Leben auf den Kopf. Es sprüht nur so vor Ideen für lustige Unternehmungen und entführt ihn kurzerhand in eine Welt der Fantasie und Freude. Doch mit Herrn Strunz hat das Einhorn eine harte Nuss zu knacken, denn der weist zunächst jeden Vorschlag mürrisch ab. Karussell fahren? Dabei wird ihm nur schlecht. Sternschnuppen zählen? Bloß totes Gestein, das durchs All fliegt. Erst auf der Couch einer Gesprächstherapeutin wird Herrn Strunz klar: „sein“ Einhorn bringt Glück in sein Leben.

Stärkstes Zitat: „Wir haben hier die köstlichsten Glücks-Macarons: eins für Vertrauen, eins für Zuversicht, eins für Entspannung … Was kann ich Ihnen bieten?“ – „Haben Sie auch W-Lan?“

Filmtitel: UNSER ZUKÜNFTIGER BERUF

Genre: fiktionales Biopic

Plot: Ein Tag im Leben zweier Ärztinnen: Mit Liebe zum Detail stellen sich zwei junge kasachische Mädchen den Berufsalltag vor.

Stärkste Szene: Die imaginierten Morgen- und Abendrituale! Bevor die beiden jungen Protagonist/innen zur Arbeit gehen, darf die Morgentoilette einer erwachsenen Frau nicht fehlen: Sie frisieren die Haare, legen Parfum auf. Am Abend vor dem Schlafengehen fallen sie erschöpft ins Bett – ein letzter Blick ins Schminkköfferchen auf dem Nachttisch: Erst wenn der Lippenstift noch einmal sauber nachgezogen ist, kuscheln sich die beiden in die Federn.

Der französische Regisseur Michel Gondry entwickelte das Konzept der Filmfabrik bei den Dreharbeiten zu BE KIND REWIND (Abgedreht, US 2008). Der absurde Plot seines Films: Durch einen Unfall werden alle VHS-Bänder der Videothek gelöscht, in der Mike arbeitet. Also macht er sich mit seinem Kumpel Jerry daran, den gesamten Film-Bestand selbst nachzudrehen.

Basierend auf derselben Idee, stellt Gondry auch bei der Filmfabrik die Lust am kreativen, abgedrehten Einfall ins Zentrum. Der für seinen überbordenden Ideenreichtum bekannte Regisseur verspricht den Besucher/innen der Filmfabrik: „You’ll like this film, because you’re in it.“

Denn eines ist klar: Auf herausragendes Schauspiel und astreine Kameraführung kommt es hier weniger an – und doch lädt das Setting unbedingt dazu ein, aus den Alltagsrollen auszubrechen und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Im Mittelpunkt steht die produktive Gruppenarbeit. Jede und jeder kann kreativ werden, das ist die Botschaft der Filmfabrik. Dass die Filmexperimente da schon mal wie ein einziger „Outtake“ anmuten, wie eine missglückte Szene, die in einem richtigen Film rausfliegen würde, überrascht nicht. Manchmal entstehen per Zufall auch richtig experimentelle Werke. So verwechselten die Kameraleute eines Teams fatalerweise An- und Aus-Knopf der Kamera. Und zwar konsequent. In der Folge wurde aus TRAIN NO. 6 – BANANA SPLAT auf der Kinoleinwand nicht der geplant blutrünstige Horrorthriller, sondern ein nüchternes „Making Of“, das die Diskussionen zwischen den einzelnen Einstellungen dokumentiert.

Was beim spontanen Filmprojekt herauskommt, liegt also ganz an den Teilnehmer/innen. Lust aufs eigene „abgedrehte“ Filmerlebnis? Einzelpersonen können bis zum 28. Januar 2018 täglich kostenlos und ohne Voranmeldung am Parcours durch Abgedreht! Die filmfabrik von Michel Gondry teilnehmen. Die DVD zum eigenen Film gibt’s natürlich mit dazu.