Was hat das mit Schweden zu tun?

Mike und Jerry haben ein Problem: Weil Jerry nach einem Stromunfall unter Hochspannung steht, löscht er versehentlich alle VHS-Bänder aus dem Bestand der Videothek, in der Mike angestellt ist. Was tun? Kurzerhand drehen die Freunde diverse Filme aus dem Videotheksbestand mit einfachen Mitteln innerhalb weniger Stunden nach – und wider Erwarten blüht das Geschäft auf … Regisseur Michel Gondry ist ein kreativer Kopf.

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Über Musikvideos zum Film gekommen, schafft der Franzose unterhaltsame Werke, in denen eine charmant-skurrile Ästhe tik auf abseitigen Humor und mitunter kühn AKtueLLeS konstruierte Plots trifft – so auch im oben beschriebenen BE KIND REWIND (Abgedreht, US 2008). Was Mike und Jerry im Film aus der Not heraus entwickeln, nennt Gondry „Filme schweden“. „Schweden“ deshalb, weil das gleichna- mige Land das einzige ist, das die online gestellten privat nachgedrehten Filme nicht als Urheberrechtsverstöße ahndet. Sie werden hier als Form der freien Meinungsäußerung anerkannt und zugelassen. Der Begriff hat sich bald etabliert – ebenso wie die Tätigkeit, die er beschreibt. Western-Cowboys reiten auf Stecken- und Schaukelpferden, statt Blut spritzt Konfetti, und einschlägige Filmmelodien werden nachgesummt: Schweden bedeutet im Sinne Michel Gondrys, Filme – meist bekannte Hollywood-Blockbuster – innerhalb kürzester Zeit und mit bescheidenen Mitteln nachzu- drehen.

Hierbei geht es nicht um professionelles Handwerk und perfektionistische Nachahmung des Originals, im Vordergrund stehen Einfallsreichtum und das Herunterbrechen eines filmischen Werks auf seine Kernszenen. Der geschwedete Film mit einer Dauer von rund fünf Minuten ist weniger eine Persiflage als eine Hommage an das Originalstück und vor allem dann unterhaltsam, wenn letzteres den Zuschauer/innen bekannt ist.

Michel Gondrys weltweit erfolgreiches Konzept der „Usine de films amateurs“, das von Donnerstag, 14. September, an unter dem deutschen Titel Abgedreht! Die Filmfabrik von Michel Gondry im Deutschen Filmmuseum umgesetzt wird, entstand parallel zu den Dreharbeiten für BE KIND REWIND. Anders als in der Komödie drehen Teilnehmer/innen der Filmfabrik zwar kein bekanntes Werk nach, sondern erzählen eine eigens ausgedachte Geschichte. Ein ganz zentraler Gedanke Michel Gondrys verbindet aber das Schweden von Filmen mit den Prozessen in der Filmfabrik: Eine Gruppe, die gemeinsam das Ziel verfolgt, innerhalb kurzer Zeit vor laufender Kamera eine Geschichte zu erzählen, setzt ein Maß an kreativen Energien frei, das beachtliche Werke entstehen lässt.

Zur Einstimmung auf die kreative Schaffensphase, die mit Abgedreht! Die Filmfabrik von Michel Gondry vom 14. September 2017 bis 28. Januar 2018 auf das Deutsche Filmmuseum zukommt, werden am Mittwochabend, 13. September, von 19 Uhr an bereits die Tore zur Kulissen-Preview geöffnet. Besucher/innen können sich so einen ersten Eindruck der Möglichkeiten, die der Parcours bietet, verschaffen, und sich auch gleich zu einer Tour im Laufe der folgenden vier Monate anmelden. Im Kino des Deutschen Filmmuseums läuft um 20:30 Uhr zur Eröffnung des Projekts – was würde sich besser anbieten – Michel Gondrys BE KIND REWIND.

Bereits an zwölf Orten weltweit konnte Michel Gondry mit seiner Filmfabrik Menschen dazu animieren, selbst kreativ zu werden und ideenreiche Werke zu schaffen. Erstmals ist er mit dem Projekt nun in Deutschland aktiv. Ein Besuch in der Filmfabrik folgt einem genauen Protokoll: eine Gruppe von fünf bis zwölf Personen, die sich oft erst vor Ort kennenlernen, durchläuft gemeinsam alle Stationen – von der Auswahl eines Genres und Titels für den Film über den Entwurf der Handlung und die Rollenverteilung bis hin zum Dreh selbst. Es entsteht ein kurzer Genrefilm, den die Teilnehmer/innen sich in der letzten Station, dem kleinen Kino, gemeinsam ansehen. Anschließend wandert der Film ins wachsende Archiv der Filmfabrik.